Shorty: Abdulhamid Kircher – Rotting From Within
Shownotes
In diesem Shorty sprechen Julia und Matthias über die Ausstellung ROTTING FROM WITHIN des deutsch-türkischen Künstlers Abdulhamid Kircher. In seiner Arbeit setzt sich Kircher mit den Folgen von Patriarchat und Gewalt sowie mit der Suche nach Versöhnung und Nähe auseinander. Im Mittelpunkt steht dabei die Abwesenheit des Vaters, eine Leerstelle, die zur Sehnsuchts- und Projektionsfläche wird.
In den DAS IST KUNST-Shorties stellen Julia Schulze Darup und Matthias Schönebäumer regelmäßig aktuelle Ausstellung der Deichtorhallen Hamburg vor. Kurz und knapp beantworten sie die wichtigsten Fragen: Worum geht es eigentlich? Wer sind die Künstlerinnen und Künstler und was muss ich eigentlich sonst noch über die Ausstellung wissen?
Website von Abdulhamid Kircher
DAS IST KUNST – SHORTIES ist eine Produktion der Deichtorhallen Hamburg in Zusammenarbeit mit ByteFM / Hosts: Julia Schulze Darup, Matthias Schönebäumer / Redaktion: Gabriela Basso, Priska Dolling, Matthias Schönebäumer / Musik: Alex Blancke / Logodesign: Gabriela Basso / Foto: Henning Rogge
Transkript anzeigen
00:00:04: Hallo und herzlich willkommen im Podcast der Deichto-Hallen Hamburg.
00:00:08: Es ist wieder Zeit für ein neues Shorty, das heißt wir stellen euch hier eine Ausstellung der Deichto Hallen näher vor um besprechen alles was es dazu zu wissen gibt.
00:00:17: Wir freuen uns dass ihr wieder mit dabei seid.
00:00:19: ich bin Matthias Schönebörmer Und mir gegenüber sitzt wie immer Julia Schulze da ob sie ist.
00:00:23: Künstlerin und Kunstvermittlerin.
00:00:25: Hi Julia Hallo
00:00:26: Matthias
00:00:26: Ja in heutigen Shorty wollen wir eine Ausstellung im Foxie dem temporären Haus der Fotografie besprechen.
00:00:32: Julia, worum geht es in diesem Shorty?
00:00:35: Wir sprechen heute über Rotting From Within.
00:00:38: Die Einzelausstellung des Künstlers Abdulhamid Kirchherr die vom fünften Juni bis zum ersten November hier in Hamburg zu sehen ist.
00:00:48: Diese Ausstellung ist Teil der neuen Triennale der Fotografie!
00:00:51: Alles klar dann geht's auch direkt los.
00:00:53: viel Spaß dabei Julia, bevor wir uns intensiver mit der Ausstellung beschäftigen möchte ich zunächst von dir wissen wer ist Abdul Hamid Kircher.
00:01:14: Was muss man über ihn wissen?
00:01:15: Abdul Hamid Kirchherr ist Fotograf, Anfang dreißig und in New York aufgewachsen.
00:01:21: Geboren wurde er nineteenhundertsechsundneinzig in Berlin als Sohn einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters.
00:01:29: mit acht Jahren ist er dann mit seiner Mutter in die USA ausgewandert und dort hat er auch im Teenageralter angefangen zu fotografieren.
00:01:37: später hatte dann an der University of California bildende Kunst studiert
00:01:42: also schon eine ziemlich bewegte Biographie Und Kirchers Familiengeschichte spielt ja auch für die Arbeiten, die jetzt im Foxy gezeigt werden eine sehr wichtige Rolle.
00:01:52: Biografische Bezüge sind die Grundlage oder der Ausgangspunkt seiner Arbeit.
00:01:58: Und es ist wie so eine Art Familienarchiv, das über mehrere Generationen bis zu Kirchers Großeltern zurückreicht.
00:02:07: Die sind als Gastarbeiterinnen aus der Türkei nach Deutschland gekommen.
00:02:11: Sein Großvater war sehr religiös, streng und von ihm ging viel Kontrolle und Macht aus.
00:02:18: Kirchas Eltern waren sehr jung, als sie Eltern wurden.
00:02:22: Sein Vater war gerade mal ... Seine Mutter sogar erst fünfzehn Jahre alt und diese Beziehung war früh von Gewalt geprägt, insbesondere gegen Kirchasmutter.
00:02:33: Sein Vater wurde auch später wegen Gewalt- und Drogendelikten in Deutschland inhaftiert.
00:02:39: aber schon vorher hat Kirchas Mutter entschieden mit Abdulhamid aus Berlin in die USA zu emigrieren.
00:02:46: Okay,
00:02:46: aber wie zeigt sich denn diese Familiengeschichte in der Ausstellung?
00:02:50: Du hast ja vorhin schon das Wort verwendet.
00:02:54: Ja und wenn ich so daran denke an Familienarchiv, dann denk' ich vielleicht zuerst an ein Fotoalbum mit Bildern von Geburtstagen, Feiertagen, Urlauben also so Familienalltag eben.
00:03:07: In Kirchers Ausstellung sehen wir kein Foto Album sondern eine neun Meter breite und zwei Meter hohe Wand, also eine raumgreifende Installation auf der analoge Fotografien wie auf so einer sehr dicht behangenen Pin-Wand versammelt sind.
00:03:23: Und einige Motive hat er selbst fotografiert, andere sind von Familienmitgliedern
00:03:27: zusammengetragen.".
00:03:30: Viele Aufnahmen zeigen so nächtliche Szenen, also Männer die posieren teils mit Drogen und Waffen.
00:03:37: Manches hat mich eher an Filme und Serien als ein Familienalbum erinnert.
00:03:43: aber es gibt auch so ganz intime ruhige Momente der Erschöpfung, der Zuneigung.
00:03:49: und zwischen den Bildern hat Kirche auch immer wieder Kinderzeichnung, Briefe und Erinnerungsstücke platziert.
00:03:56: Und das ist ja schon eine sehr besondere Form der Inszenierung im Foxy die der Künstler für das Projekt gewählt hat.
00:04:03: Aber wie hat er diese ganzen Bilder denn sortiert, konntest du da ein Muster erkennen?
00:04:08: Ja das Zusammentragen aber auch die Anordnung der einzelnen Fotos spielt eine ganz wichtige Rolle für das Werk.
00:04:15: Also für diese Arbeit verbringt Kircher mehrere Tage im Ausstellungsraum und richtet sich dann quasi so ein eigenes kleines Studio ein mit Drucker und Scanner und er hat dann so stapelweise Fotos und Dokumente und setzt sie zueinander in Beziehung.
00:04:32: also Er weiß vorher auch selbst gar nicht, wie die einzelnen Elemente am Ende dann zueinander stehen werden.
00:04:41: wieder gezeigt wird, fängt die Anordnung komplett von vorne an.
00:04:45: Also es entsteht jedes Mal eine neue Ordnung.
00:04:48: Ja und das macht ja irgendwie auch Sinn denn diese familiären Beziehungen sind ja nicht abgeschlossen sondern entwickeln sich weiter
00:04:55: Genau!
00:04:56: Und diese offene unabgeschlossene Dynamik überträgt Kirche durch die Form der Inszenierung Es ist kein Zufall dass alle Elemente mit Magneten also eben nur temporär befestigt werden Technik, mit der sich selbst und auch uns als Betrachter in die Muster- und Prägungen dieses Familiensystems sichtbar macht.
00:05:19: Also wie so ein Versuch das Ganze aus einer neuen Perspektive zu betrachten vielleicht auch mit etwas Abstand Und mit der Zeit erkennen wir nicht nur einzelne Personen wieder, sondern auch Themen.
00:05:31: Also Sucht, Macht, Traumatisierung, Einsamkeit und es sind ja Dinge die über Generation reichen aber total schwer greifbar sind und ja häufig auch unausgesprochen bleiben.
00:05:44: Aber genau die versucht er hier zu fassen zu kriegen!
00:05:47: Ja und wenn euch interessiert wie diese Bilderwand von Abdulhamid Kirche entstanden ist dann lohnt sich ein Besuch.
00:05:55: Wir haben Kirche nämlich bei der Arbeit im Foxy mit der Kamera begleitet und daraus ist ein kleiner Film entstanden, in dem Kircher auch über das Projekt an sich spricht.
00:06:04: Den Link dazu findet ihr in den Show Notes.
00:06:11: Julia wir müssen unbedingt über den Titel der Ausstellung sprechen Rotting from within also übersetzt von Innenverrotten.
00:06:18: Als ich zum ersten Mal erfahren habe dass die Ausstellung so heißen soll da dachte ich nur boah krasser Titel.
00:06:23: man fragt sich ja auch erst mal was einen da so erwartet.
00:06:26: aber was steckt denn genau dahinter?
00:06:28: Also für mich schwingt da viel von dem Schmerz, vom Trauma mit das diese Familie prägt.
00:06:34: Man kann so eine Familie ja auch wie ein Organismus verstehen.
00:06:37: also alles steht miteinander in Verbindung und rotting from within heißt für mich auch dass die Gefahr von Innen kommt.
00:06:46: Wir können uns nicht aussuchen was vererbt wird und wir haben schon über die Gewalt gesprochen die von den Männern dieser Familie ausging.
00:06:54: Kircher nutzt ja die Fotografie, um sein Vater zu verstehen der ein Großteil seines Lebens abwesend war und dennoch natürlich einen großen Einfluss auf ihn hatte.
00:07:05: Aber es geht in der Ausstellung nicht nur darum diesen Lifestyle des Vaters darzustellen sondern es geht wirklich um die Suche nach Zugehörigkeit, nach Identität und nur so kann ja auch was Eigenes entstehen also vielleicht ein neues Bild von Männlichkeit oder eine andere Formen der Beziehungen
00:07:24: vorstellen, dass diese Ausstellung viele Menschen sehr bewegt.
00:07:27: Welches Werk in der Ausstellung hat dich denn persönlich am meisten berührt?
00:07:31: Es gibt in der Ausstellung eben einerseits die große Installation, aber auch eine Reihe gerahmter Fotografien.
00:07:39: Und auch hier tauchen die Protagonisten seiner Familie wieder auf – also der Vater mit seiner Partnerin, die Großeltern.
00:07:47: und eine Aufnahme, die mich besonders bewegt hat zeigt die Waschung des verstorbenen Großvaters in der Moschee!
00:07:54: Also ein wahnsinnig intimer Moment?
00:07:56: Ja sein Körper ist auch abgedeckt, man kann die Personen nur so erahnen dem Familien... Oberhaupt wird hier die letzte Ehre erwiesen.
00:08:04: Er wird von seinen Söhnen gewaschen, auch der Enkel Abdulhamid Kircher ist anwesend und das hat für mich auch sowas ja fürsorgliches Reinigen des vielleicht sogar versöhnliches und es verbindet ja die Familienmitglieder über Generationen hinweg.
00:08:20: also ganz ähnlich wie Kirchers ja in seiner fotografischen Arbeit auch tut und er beschreibt übrigens dass die Kamera in solchen Momenten fast wie ein Schutzschutz funktioniert, also dass er solche Situation oft erst viel später nämlich beim entwickeln des Filmes einordnen kann.
00:08:43: Bevor wir zum Ende kommen Julia was sollten unsere Hörerinnen noch wissen bevor sie die Ausstellung anschauen?
00:08:48: Hast du noch Tipps für uns?
00:08:50: Den Film zur Ausstellung haben wir ja schon erwähnt.
00:08:53: unbedingt empfehlen möchte ich euch aber auch das Gespräch zwischen Abdulhamid Kircher und Jumoko Ulusami hier im Podcast.
00:09:02: Und wenn ihr selbst auch Lust habt mehr über analoge Fotografie zu lernen, dann habt ihr dazu jetzt die Chance.
00:09:08: Im Foxy ist extra zu den laufenden Ausstellungen ein schwarz-weiß Foto Labor mit Dunkelkammer eingerichtet worden.
00:09:15: Wer also selbst analog fotografiert oder das mal ausprobieren will der kann das in einem der vielen Workshops tun aber dafür müsst ihr euch vorher einmal anmelden!
00:09:25: Vielen Dank für die Tipps Julia und alle Infos dazu findet ihr wie immer in den Show Notes zur.
00:09:32: bleibt uns noch zu sagen, dass wir uns immer über eure Bewertungen freuen.
00:09:36: Wo immer ihr uns hört gibt uns Sterne Daumen oder was immer ihr entbeeren könnt und schreiben könnt ihr uns natürlich auch unter podcastatdeichthohallen.de.
00:09:46: Am allermeisten freuen wir uns aber, wenn ihr den Podcast einfach weiter empfehlt.
00:09:50: Und damit ist für heute eigentlich alles gesagt oder Julia?
00:09:53: Ja Matthias und wir beide machen jetzt erstmal eine kleine Pause.
00:09:57: Ach so!
00:09:57: Im Oktober hören wir uns dann aber wieder.
00:09:59: Dann geht es hier im Shorty um die Erstellung der New Yorker Künstlerin Joyce Pensato in der Sammlung Falkenberg.
00:10:07: Wir freuen uns auf euch und verabschieden uns.
00:10:09: Ich bin Julia Schulze-Darup und
00:10:11: ich bin Matthias Schönebäumer Tschüss.
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